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Magazin 4/2021 | Green Deal & Co
Egal ob Stadt oder Land – Nachhaltigkeit
betrifft uns alle.
Die Sicht einer Verbraucherin von
Claudia Marie Bothe
iesen Sommer habe ich im aber auch Zeit und Muße, jedes frustriert mich, dass dieses Geld
Garten zum ersten Mal meine einzelne Produkt im Supermarkt zu nicht in größerem Umfang eine
Deigenen Tomaten gezüchtet. recherchieren. Daher bin ich als umweltfreundliche, ökologische
Die Ernte war nicht besonders Verbraucherin dankbar für einheit- Landwirtschaft fördert, sondern den
ertragreich, denn normalerweise liche Qualitätsstandards und Regu- Besitz von Land.
kaufe ich Tomaten einfach in einem lierungen.
Berliner Supermarkt. Grundsätzlich Um die Klimaschutzziele zu errei-
ist das Thema Landwirtschaft in Was bedeutet nachhal- chen, braucht es einen nachhaltigen
meinem Alltag wenig präsent. Wandel. Diese Aufgabe liegt jedoch
Dennoch ist mir Nachhaltigkeit tige Landwirtschaft? nicht allein bei den Landwirt*innen
wichtig. Gerade in Bezug auf Lebens- und ich finde, das muss auch in den
mittel und Konsum versuche ich Die Landwirt*innen dagegen Medien stärker thematisiert werden.
durch bewusste Kaufentschei- scheinen striktere Umweltauflagen Nachhaltigkeit ist ein Thema, das
dungen zumindest einen kleinen abzulehnen. Dieses Bild wird zumin- uns alle in die Verantwortung zieht –
Beitrag für mehr Nachhaltigkeit zu dest oft in den Medien vermittelt. die Landwirte und Landwirtinnen,
leisten. Beim Einkaufen greife ich Solch eine Darstellung ist einseitig genauso wie die Verbraucher und
daher vor allem zu regionalen und und führt dazu, dass ich mit den Verbraucherinnen. Wir Konsumen-
saisonalen Produkten. Argumenten der Landwirt*innen nur t*innen stellen unrealistische Forde-
wenig vertraut bin. Als im November rungen, wenn wir uns nachhaltig und
Gleichzeitig fällt es mir als Konsu- 2019 in Berlin Bäuerinnen und ökologisch produzierte Lebens-
mentin nicht immer leicht, bewusst Bauern gegen das Agrarpaket der mittel wünschen, dann aber nicht
das nachhaltigere Produkt zu Bundesregierung demonstrierten bereit sind, auch mehr dafür zu
wählen und mir eine differenzierte und hunderte Traktoren den Berufs- zahlen. Striktere Umweltauflagen
Meinung zu bilden. So lässt sich verkehr aufhielten, habe ich mich dürfen die Landwirt*innen nicht in
darüber streiten, ob ein Bio-Apfel zuerst geärgert. Letztendlich bin ich Existenznot treiben. Ökologische,
aus Neuseeland nachhaltiger ist als eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit ökonomische und die sozialen
ein konventioneller Apfel aus der gekommen, dafür hatte ich aller- Aspekte von Nachhaltigkeit müssen
Region. Ist ein vegetarisches dings ein Gesprächsthema für die gemeinsam betrachtet und Verände-
Schnitzel, hergestellt aus brasiliani- Mittagspause. Ich fing an zu recher- rungen gesamtgesellschaftlich
schen Sojabohnen, umweltfreundli- chieren, was der Grund für die Groß- getragen werden. Das heißt, dass
cher als ein Steak vom Bio- demonstration war. auch wir Verbraucher*innen uns
Schlachter um die Ecke? fragen müssen, worauf wir
Wir Verbraucher*innen mögen in verzichten wollen und wie viel wir
In der Obst- und Gemüseabteilung mancher Hinsicht zu kurz denken bereit sind mehr zu zahlen.
sind regionale oder saisonale und das Thema einseitig betrachten,
Produkte zumindest klar gekenn- dennoch bin ich überzeugt, dass Mehr Landwirtschaft im
zeichnet. Bei weiterverarbeiteten mehr Nachhaltigkeit in der Land-
Produkten verliere ich dagegen wirtschaft notwendig und auch Alltag
schnell den Überblick. Bio- und möglich ist. Zwar hat man das
Nachhaltigkeitssiegel dienen einer- Gefühl, dass sich etwas verändert, In meinem Alltag bin ich jedoch in
seits als hilfreiche Richtlinie, mit den jedoch nur langsam. Das Potential erster Linie mit den Produkten und
einzelnen Zertifizierungskriterien für einen nachhaltigen Wandel Preisen im Supermarkt konfrontiert.
bin ich jedoch wenig vertraut. scheint wesentlich größer, man muss Was hinter den Lebensmitteln steht
Zusätzlich sehe ich nahezu täglich nur ambitioniertere Ziele setzen. Ich und welche Arbeit in der Ernte fließt,
ein neues Produkt im Supermarkt- muss Umweltaktivist*innen und sehe ich dagegen nicht. Das liegt
regal, das als nachhaltig, vegan und Naturschutzverbänden Recht geben, nicht an Desinteresse, sondern
klimaschonend vermarktet wird. wenn sie die kürzlich verabschiedete einfach an einem fehlenden Zugang
Doch halten diese „grünen“ Lebens- EU-Agrarreform dafür kritisieren, zu dem Thema Landwirtschaft. Im
mittelmarken tatsächlich was sie Subventionen nicht streng genug an Münsterland haben Bäuerinnen und
versprechen oder sind sie ein Umweltauflagen zu binden. Die Bauern daher die Initiative „Land-
weiterer Fall von Greenwashing? Ich milliardenschweren Agrarsubventi- wirtschaft: Mag doch jeder“ ins
muss gestehen: Ich bin mir nicht onen machen den größten Posten im Leben gerufen. Im Rahmen dessen
immer sicher. Gleichzeitig fehlen mir EU-Haushalt aus. Geld ist also da. Es machen sie ihre Arbeit für die breite

